08. März 2016

„Der kritische Agrarbericht 2016“ - Besprechung des Buches

Massentierhaltung, Monokulturen, Glyphosat-Skandal, Kükenschreddern, fortschreitende Umweltzerstörung... Und dann noch TTIP: Da kann man schon mal die Orientierung verlieren, auch angesichts der mitunter widersprüchlichen Standpunkte und Interessen. Seit 1993 wird jährlich „Der kritische Agrarbericht“ veröffentlicht, der unabhängig und überparteilich über die aktuelle Lage in der Landwirtschaft informiert und eine Umorientierung in der Agrarpolitik erreichen will.

Der AgrarBündnis e. V. besteht aus derzeit 24 Organisationen mit über 1 Million Einzelmitgliedern, die sich für eine Verbesserung der Landwirtschaft, der Umwelt, des Tierschutzes, des Verbraucherschutzes und anderes einsetzen. Zum Bündnis zählen die AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft), der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), Demeter, der Deutsche Tierschutzbund, Slow Food Deutschland und etliche mehr. Auch „Der kritische Agrarbericht 2016“ liefert laut Untertitel „Hintergrundberichte und Positionen zur Agrardebatte“, in diesem Jahr zum Schwerpunkt Wachstum. Übergeordnet geht es um Pflanzen- und Tierschutz, der einen gleichzeitigen Schutz von Umwelt und Menschen bewirkt. In 47 Beiträgen stellen Autoren und Autorinnen verschiedener Organisationen ihre Ansätze für eine Zukunftsfähigkeit der Landwirtschaft vor.

Der diesjährige Bericht behandelt sehr ausführlich Alternativen zum angeblichen Wachstumszwang. Es hat sich erwiesen, dass permanentes Wirtschaftswachstum nicht zu größerem Wohlstand führt. In der Landwirtschaft ist es zudem illusionär, da auf einem begrenzten Planeten nur begrenzte Ressourcen vorhanden sind und dies aufgrund von gegebenen Naturgesetzen gar nicht möglich ist. Trotzdem setzen die Politik und die Börsen weitgehend auf die Devise „Wachsen oder Weichen“, denn die teils enormen EU-Subventionen sind an die Größe, an die Hektarzahl gebunden, was einseitig den großflächigen Landkauf profitabel macht. Boden und Nahrung sind zu einer hart umkämpften Ware geworden. Doch diese „agrarindustriellen Wachstumsfantasien“ verschärfen die bereits bestehenden Probleme. Der Agrarforscher Dr. Josef Hoppichler schreibt: „Der größte Feind der Natur sind die Agrarsubventionen“. Das Ackerland ist weltweit schon zu einem Drittel erodiert oder davon bedroht, was zu einem wesentlichen Teil an Monokulturen und dem wachsenden Konsum von tierischen Produkten liegt. Die in Unmengen anfallende Gülle belastet nicht nur die Böden, sondern auch das Klima, das Wasser und die biologische Vielfalt. Letztere ist schon durch den übermächtigen Einfluss von nur 5 Saatgutkonzernen, die 95 % des Marktes kontrollieren.

TTIP und CETA sind ein „Einfallstor für die Industrielobby“

Die Handelsabkommen mit den USA und Kanada, TTIP und CETA, werden dabei als weiterer „Bremsklotz für nachhaltige Landwirtschaft“ gesehen. Sie würden eine völkerrechtlich verbindliche Regulierung durch die Konzerne bedeuten. „Das ist neu und bedeutet einen weitreichenden Eingriff in die staatliche Souveränität und demokratische Rechte (das right to regulate)“, warnt Alessa Hartmann vom PowerShift e. V. Über Jahrzehnte hart erkämpfte Schutzstandards würden so verloren gehen, sei es für Lebensmittel, Verwendung von Chemikalien, Umweltschutz- und Arbeitssicherheitsstandards.

(Die TTIP-Verträge sind streng geheim, deshalb sind genauere Aussagen nicht möglich. Die Politiker und Politikerinnen, die sie sichten wollen, müssen diversen Berichten zufolge durch massive Sicherheitskontrollen, sie dürfen weder Kopien, Notizen oder Fotos machen. Die Sprache der Verträge ist Wirtschafts- und Juristenenglisch, das selbst für englische Muttersprachler schwer verständlich ist. Es sei nur ein Dolmetscher für drei Lesende vorhanden. Die im Vertrag erwähnten Anlagen liegen offenbar nicht zur Einsicht vor).

Das in beiden Verträgen enthaltene Konzernklagerecht gibt es auch in einem bilateralen Investitionsschutzabkommen zwischen Polen und den USA. In einem Rechtsstreit von 2008 zwischen dem Cargill-Konzern und Polen mussten die polnischen Steuerzahler 16,3 Millionen Dollar Entschädigungssumme zahlen, weil durch Anpassung an EU-Gesetze die Einnahmen aus der Isoglukose-Produktion (ein weit verbreiteter und gefährlicher Zuckerersatzstoff) hinter den Erwartungen zurück blieben. Solche Beispiele gibt es etliche. Eine Unterzeichnung von CETA und TTIP bezeichnet Hartmann als „Einfallstor für die Industrielobby“.

Schon jetzt sind die Verhandlungen und Entscheidungen der EU oft intransparent und geheim, was insbesondere für gentechnisch veränderte Pflanzen gilt. Dabei sind diese oft unnötig, wofür ein GV-Mais als Beispiel genannt wird, der vor dem Maiszünsler schützen soll. Die Bauern lehnen dieses Saatgut ab, weil sie festgestellt haben, dass sie ihren genfreien Mais anders schützen können. Sie haben die Aussaat einen Monat vorgezogen, so das die Raupen des Kleinschmetterlings den Pflanzen nichts mehr anhaben können. Es sind die Konzerne selbst, die die Gutachten über ihre Produkte in Auftrag geben und die Ergebnisse selbst interpretieren. So wurde der Glyphosat-Skandal möglich, ein Wirkstoff in Pestiziden, der laut der zuständigen EU-Behörde Efsa als „wahrscheinlich nicht krebserregend“ eingestuft wurde, obwohl die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) ihn als „wahrscheinlich krebserregend“ einschätzte. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO erkannte ein Krebsrisiko. (Im Februar 2016 veröffentlichte das Umweltinstitut München, dass in den 14 meistverkauften Biersorten Glyphosatrückstände gemessen worden sind). Mit einer Ratifizierung der Abkommen TTIP und CETA würde man in Zukunft jegliche Einflussmöglichkeit an von Konzernen kontrollierte Schiedsgerichte abgeben und wäre den Konzerninteressen ausgeliefert.

Das Martyrium im Stall

Es ist mittlerweile eine weit verbreitete Erkenntnis, dass der industrielle Anbau von Pflanzen meist in Monokulturen die Ackerböden und die Umwelt zerstört, insbesondere auch durch Einsatz von Pestiziden, Herbiziden und Fungiziden. Eine ökologische Agrarwende zur Rettung des Planeten ist unverzichtbar, wobei ökologischer Anbau eine entscheidende Rolle spielen kann. Doch auch das Leid der Tiere in der sich immer weiter ausbreitenden Massentierhaltung hat ein unerträgliches Maß angenommen. Trotz eindeutiger Tierschutzgesetze sind folgende Grausamkeiten gegen Tiere Gang und Gäbe.

In Deutschland werden jährlich rund 100.000 trächtige Milchkühe geschlachtet. Die Kuh wird meistens zwar betäubt, das Kalb aber nicht, es erstickt im Mutterleib.
Mehr als 20 Millionen männliche Ferkel werden allein in Deutschland jedes Jahr ohne Betäubung kastriert. Bei den Küken sind es rund 50 Millionen männliche Küken, die als „Abfall“ in den Schredder geworfen werden. Auch das Schwanzkürzen bei Schweinen in überfüllten Mastbetrieben, das Enthornen von Rindern und Schnabelkürzen bei Geflügel gehören zum Martyrium im Stall und sorgen für eine “schwindende gesellschaftliche Akzeptanz der Nutztierhaltung“. Trotzdem wird mehr Fleisch produziert, als in Deutschland verzehrt wird, und geht in den Export. Die Umweltschäden und ihre Kosten bleiben aber hier im Land. Durch die Massentierhaltung sind auch die Gaben von Hormonen und Antibiotika gestiegen, die durch die Ausscheidungen der Tiere für die Umwelt und den Menschen schädlich sind. Insgesamt müsse unbedingt eine Trendwende erfolgen.

Eine Auswahl der Vorschläge zur Agrarreform

Gefordert wird eine Agrarreform, „damit Landwirte für Naturschutzleistungen bezahlt werden – und nicht mehr für das Zerstören von Lebensräumen und Populationen“, fordert Magnus Wessel vom BUND e. V. Auch sollen die sozialen und ökologischen Mehrkosten, die durch die Schäden des industriellen Anbaus entstehen, endlich mit eingerechnet werden. (Dann wäre der Preisvorteil von Industrieware gegenüber ökologisch angebauten Produkten dahin). Die Bestandsgröße und das Tierwohl stehen in Zusammenhang. Deswegen wird aus Tierschutzgründen eine Bestandsobergrenze gefordert.
Ein europaweites „aktives Humusaufbaumanagement“, das nicht nur den Boden regenerieren, sondern auch dem Trinkwasserschutz, der Hochwasservermeidung und dem Schutz vor Dürreperioden dienen würde.

Wie die Verbraucher reagieren

Es wird eine Studie an der Universität Hamburg von 2013 zitiert, die drei Hauptgründe ermittelt hat, warum sich Menschen für eine vegetarische oder vegane Ernährung entscheiden. An erster Stelle stehen die Medienberichte über die grausame Nutztierhaltung, gefolgt vom Aspekt des Klimaschutzes und an dritter Stelle stehen gesundheitliche Gründe. Immer mehr Verbraucher kaufen und essen bewusster, obwohl immer noch ein großer Teil der Bevölkerung den Versuchungen der Billigware erliegt und Nahrung (wie auch anderes) kauft, ohne dass ein wirklicher Bedarf besteht. Andreas Wenning, der Geschäftsführer der RAPUNZEL GmbH meint: „Wachstum zu Billigpreisen – gerade dies könnte ein Indiz sein, dass die Produkte nicht wirklich essenziell gebraucht und nur zusätzlich wegen ihrer Preisstellung konsumiert werden.“ Dies habe für Unternehmen zur Folge, dass es immer schwerer wird, „innovativ, nachhaltig und qualitätsbewusst zu handeln.“

Insgesamt gibt es Bestrebungen, die Abhängigkeit von industriellem Saatgut zu vermeiden und Schritte in eine zunehmende Ernährungssouveränität zu unternehmen. Mit unserer Wahl der gekauften Produkte, bestimmen wir unbewusst oder zunehmend auch bewusst mit. Dabei engagieren sich immer mehr Bürger und Bürgerinnen, die auch in entsprechende Projekte eingebunden werden sollen. Da jeder Mensch isst, ist das eine Bewegung über Alter, Kultur und Einkommen hinweg in Richtung einer neuen Ernährungskompetenz. Da sind insbesondere Städter gefordert. Der Autor Dr. Phillipp Stierand formuliert den Schlusssatz: „Die Bürger tasten sich Schritt für Schritt experimentell an neue Versorgungsstrukturen für die Stadt heran. Stadt und Bürger bestimmen über die Bedingungen ihrer Lebensmittelversorgung mit – und helfen so, innovative Lösungen für das Ernährungssystem zu entwickeln“.

Dies ist nur ein grober und unvollständiger Überblick über sehr detailreiche, informative und kompetente Berichte zur aktuellen Lage. Ganz oder partiell nachzulesen in der Online-Ausgabe: 
http://www.kritischer-agrarbericht.de/index.php?id=357

© Helga Fitzner