24. August 2016

Buchbesprechung: Urban Agriculture Europe - Die Erde in unseren Händen

Immer mehr Städter setzen sich für die Bepflanzung und Erhaltung selbst kleinster innerstädtischer Grünflächen ein: Neben den Kleingärten sind die Nutzung von Brachland zum Gemüseanbau, die Errichtung von Gemeinschaftsgärten und viele andere Initiativen zum Trend geworden. So entstand eine sich rege fortentwickelnde urbane Landwirtschaft, die so heterogen ist, dass sie kaum greifbar und im gesellschaftlichen, wie auch im politischen Bewusstsein noch nicht richtig angekommen ist. Die englischsprachige Studie „Urban Agriculture Europe“ schafft dem nun Abhilfe.

Finanziert von COST „Europäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technologie“ legen die Herausgeber Frank Lohrberg, Lilli Licka, Lionella Scazzosi und Axel Timpe nach vierjähriger Recherche die Ergebnisse vor.

Man kann es am Jahr der Bankenkrise 2008 festmachen, dass immer mehr Städter darüber nachzudenken begannen, wo eigentlich die Nahrungsmittel herkommen und wer darüber bestimmt. Der Zuwachs an urbaner Landwirtschaft seit dieser Zeit ist signifikant, wird an zahlreichen Beispielen belegt und zeigt sich auch an dem steigenden Wunsch nach regionalen, saisonalen und biologisch angebauten Produkten.

Im ersten Kapitel „Phenomenon“ wird das Phänomen „Urbane Landwirtschaft“ definiert und strukturiert. Ein Unterscheidungsmerkmal ist Top-down, also von der Politik geplante und erhaltene Flächen, die auch gut recherchierbar sind, und die Bottom-up-Initiativen, die wegen ihrer Vielfalt und ihres oft privaten Charakters nicht alle erfasst werden können. Beides zu verbinden, ist eine wichtige Aufgabe, weil nur so das dauerhafte Bestehen und der Erfolg gewährleistet sind. Es wurden über 200 Fallstudien erstellt, die in 15 Typen der urbanen Landwirtschaft und drei Kategorien eingeteilt wurden. Dazu kommt die exemplarische und detaillierte Untersuchung von sieben Städten: Barcelona, Genf, Sofia, Dublin, die Ruhr-Metropole, Warschau und Mailand. Der oftmals empfundene Gegensatz von Stadt versus Land ließ sich nicht bestätigen, es besteht eine gegenseitige Beeinflussung und Abhängigkeit.

Die Herausforderungen für die Sozioökonomie, Politik und Umwelt liegen im Bereich der

„Ernährungssicherheit,
Ernährungssouveränität,
Nachhaltigkeit der urbanen Landwirtschaft,
Entwicklung angemessener Werkzeuge zum Schutz der Landwirtschaft,
Anerkennung des Wertes der Multifunktionalität der Landwirtschaft,
und angemessener politischer Strukturen und Abläufe.“ (Seite 31).

Im zweiten Kapitel „Governance“ geht es um die Koordination und Steuerung, um Märkte, Hierarchien und Netzwerke, darum, wie der Zugang und die Nutzung von Land geregelt und gesichert werden kann, wie sich Nahrung, das städtische Ökosystem, Gesundheit, Bildung, kulturelles Erbe und die Umwelt miteinander vereinbaren lassen. Hier wurde ein großer Nachholbedarf festgestellt. Die Dichotomie zwischen Top-down und Bottom-up ist rückläufig und es entstehen Strukturen, die in eine Zusammenarbeit münden und Synergien schaffen, die unterstützenswert sind. Urbane Landwirtschaft geht weit über reine Nahrungsmittelproduktion hinaus.

Das dritte Kapitel „Business“ beleuchtet die zunehmenden ökonomischen Ausmaße. Das ultimative, einzelne Geschäftsmodell scheint es nicht zu geben, aber es kristallisieren sich fünf Strategien heraus, die als mögliche Blaupause für Innovationen dienen können. Eine der Haupteigenschaften von urbaner Landwirtschaft gegenüber der konventionellen ist die absolute Transparenz in Bezug auf Herkunft, Ort und Anbaubedingungen. Der Anbau erfolgt ohne Patente auf Saatgut und Techniken, die daher ausgetauscht werden können. Auch sind die Lieferketten kurz, meist ohne mehrere Zwischenhändler, so dass auch die Kontrolle über die Produkte bei den Erzeugern liegt. Urbane Landwirtschaft ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass weltweit 800 Millionen Menschen sie betreiben, 200 Millionen davon auf kommerzieller Ebene. 6 % der globalen Anbauflächen liegen bereits in den Städten und stärken damit auch die städtische Wirtschaft, allein schon durch die entstandenen Arbeitsplätze. Ein wesentliches Merkmal ist die Vernetzung von Erzeugern, Restaurants, Verbrauchern und anderen. Dabei verstehen sich die Erzeuger auch als Dienstleister, sei es durch Hofverkauf, Direktvermarktung und Angebote zur Freizeitgestaltung. Der soziale Aspekt zeigt sich auch an integrierenden Komponenten wie Bildung, der Inklusion von Behinderten, Randgruppen und vielem mehr. Die meisten Geschäftsideen sind Mischformen verschiedener Modelle.

Drei Viertel der europäischen Bevölkerung lebt in Städten; im vierten Kapitel „Space“ werden Konzepte vorgestellt, wie man auf engem Raum trotzdem Anbau betreiben kann. Dachgärten, vertikale Landwirtschaft gehören dazu, wie auch die Bepflanzung sehr kleiner Flächen. Bei den sich ausbreitenden Städten ist es sinnvoll, Grünflächen/Anbauflächen zu integrieren, allein schon wegen des Erhalts der Biodiversität und ökologischer Kultivierungstechniken. Die urbanen Anbauflächen erweisen sich außerdem als vorteilhaft wegen ihrer Fähigkeit der Wasserspeicherung und - regulierung sowie der Minderung von Flutrisiken, der Luftverbesserung, der Verminderung von Hitzestaus in den Städten, Recycling organischen Abfalls, insgesamt dem Schutz des ökologischen Gleichgewichts.

Das fünfte Kapitel beschreibt Aspekte von „Metabolism“, dem Stoffwechsel und Kreislauf der urbanen Landwirtschaft. In den Städten herrscht eine größere Verschmutzung von Boden, Wasser und Luft als auf dem Land, die von den Pflanzen aufgenommen und so in die Nahrungskette gelangen kann. Da, wo Anbau in den Städten möglich ist, lässt sich der organische Abfall vielleicht recyceln. Die Wiederherstellung des Stoffwechselkreislaufs hat viele Vorteile: der Bedarf an Rohmaterial verringert sich, die Kosten für Transport, Behandlung und die Entsorgung des Abfalls würden sich ebenfalls verringern. - Der „metabolic rift“ beschreibt den Graben zwischen der städtischen Gesellschaft und der Natur, eine weitgehende Entfremdung des Städters auch von der Nahrungsmittelproduktion. Den Begriff „metabolic rift“ hat ursprünglich Karl Marx angesichts der aufkommenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert geprägt. Die urbane Landwirtschaft hat das Potenzial, die fehlenden Verbindungen wieder zu schließen und die lineare Entwicklung von Input und Output in einen Kreislauf zurückzuverwandeln. Hinzu kommt die Möglichkeit, eigene Energie zu gewinnen, so gibt es in Genf das Beispiel einer Schule, die durch eine nahegelegene Biogasanlage versorgt wird.

Im sechsten und letzten Kapitel „Agenda“ werden Modelle zur Interaktion zwischen urbaner Landwirtschaft unter sozialen, ökonomischen, ökologischen, räumlichen und kulturellen Aspekten zusammengefasst. „Wie wir in den vorangegangenen Abschnitten hervorgehoben haben, ist urbane Landwirtschaft nicht nur ein Phänomen, das aus dem Zusammenspiel von landwirtschaftlichen Aktivitäten zwischen Städtern, Wirtschaft, Raum und Metabolismus hervorgegangen ist... Urbane Landwirtschaft ist zu einem facettenreichen Werkzeug für eine nachhaltige städtische Entwicklung geworden... Dank der interdisziplinären Bandbreite von Autoren wurde Überblick über ein großes Spektrum von Strategien gegeben – diese Strategien beziehen sich auf soziale Aspekte, Bildung, die Abschwächung des Klimawandels, Biodiversität, kulturelles Erbe und sektorübergreifende Politik... Alles in allem bieten die Autoren fundierte Nachweise, dass urbane Landwirtschaft ein vielversprechendes Instrument ist, um eine intelligente, nachhaltige und inklusive städtische Entwicklung zu verwirklichen, wie sie für die Europa 2020-Strategie erforderlich ist.“ S. 192f

*

„Urban Agriculture Europe“ bietet wichtige Einsichten und Ergebnisse, um als Grundlage für politische Entscheidungen zu dienen. Die Politik, und zwar auf europäischer, nationaler und kommunaler Ebene, hat jetzt eine Entscheidungshilfe, um Grünflächen für die urbane Landwirtschaft zu erhalten und zu sichern, damit eine längerfristige und nachhaltige Investitionsgrundlage für urbane Landwirte gewährleistet ist. Dies muss natürlich immer wieder mit der notwendigen Schaffung von Wohnraum und anderen Erwägungen abgeglichen werden. Es zeigt sich, dass das rege Bürgerengagement Früchte trägt. Ein paar Monate nach der Veröffentlichung dieser Studie wurden z. B. in Köln und Berlin Ernährungsräte gegründet, weitere sind in Planung. Diese Ernährungsräte erfüllen die Aufgabe, die Zivilgesellschaft, die Wirtschaft und die Verwaltung an einen Tisch zu bringen und zu beraten. Es gibt also vielfältige Möglichkeiten, sich an einem umweltfreundlicheren und nachhaltigem Umgang mit unserem Planeten zu beteiligen, sei es beim Eigenanbau, den Kaufentscheidungen oder bei gemeinschaftlichen Initiativen. Es liegt in unseren Händen.

Helga Fitzner

Urban Agriculture Europe
Jovis Verlag Dezember 2015
Sprache: Englisch
ISBN 978-3-86859-371-6


https://www.jovis.de/de/buecher/details/urban-agriculture-europe.html