15. Okt 2015

Vortrag von Valentin Thurn

Regisseur div. Dokumentarfilme und Vorsitzender von Taste of Heimat, Valentin Thurn, hat auf der IBA in Weimar ein Vortrag zur aktuellen Ernährungssituation in Deutschland und den Zielen des Vereins Taste of Heimat gehalten. Hier der Vortrag in Schriftform:

Bis ins 19. Jh. ernährte sich die Stadt selbst – die Gärten waren in der Stadt und an den
Stadtgrenzen,auch Tiere wurden mitten in der Stadt gehalten. Das ist jetzt aber nicht,
was wir propagieren, dahin können wir nicht wieder zurück, aber was wir wollen ist den
Menschen eine Beziehung zu ihrem Essen zurückgeben.
Das heißt: Bei den urbanen Gärten geht es nicht darum, wieder die Stadt zu 100 % aus sich
selbst heraus zu ernähren, sondern die Teilnehmer die vielleicht nur einen Sommer lang
Salatköpfe selbst gezogen haben, werden anders konsumieren. Auch der Direktkauf beim
Bauern hilft bei der Überwindung der Entfremdung.
Die Zahl der Haushalte, in denen täglich warm gekocht wird, ist zwischen 2007 und 2013 von
75 auf 66 Prozent gesunken. Die Deutschen wenden unter der Woche täglich etwa 29
Minuten für Essensvorbereitung auf, Kaffee und Käsebrot inklusive, nur zwei Minuten mehr
als die Amerikaner. Wir sind auf dem Weg zu einer Fast Food Nation, die Fertiggerichte
aufwärmt und Tütensuppen verfeinert, und das Verlorene mit dem Schauen von immer
mehr TV-Kochshows kompensiert.
Das schlimme daran ist: Mit jeder Minute, die wir am Herd einsparen, wächst unser Body
Mass Index. Und es gibt eine noch schlimmere Folge: Die hochverarbeiteten Convenience-
Produkte werden von großen Unternehmen hergestellt, die – um am Markt erfolgreich zu
sein – einen enormen Preisdruck auf die Bauern ausüben. Die sind am Ende der
Nahrungskette und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als auf weniger nachhaltige
Massenproduktion umzustellen. Das gefährdet bei uns zunehmend Biodiversität und
Bodenfruchbarkeit, schlimm genug, aber viel schlimmer ist es, dass diese industrielle Form
der Nahrungsproduktion anderswo auf der Welt Hunger erzeugt.
Ein komplexer Zusammenhang, den ich in meinem neuen Kinofilm „10 Milliarden“
beschreibe. Die Recherche zum Film stand für mich am Ausgangspunkt, „Taste of Heimat“ zu
gründen. Die Region um Köln hat jetzt die Chance, zur ersten Modellregion in Deutschland
zu werden, in der Verwaltung und Zivilgesellschaft versuchen, für das Thema Ernährung ein
Konzept für die kommunale Ebene zu erarbeiten.
Beispiele aus dem Ausland zeigen, dass ein solcher „Ernährungsrat“ viele Synergien freisetzt:
Die Verwaltung allein kann nur durchsetzen, was die Politik beschließt, doch die braucht
dafür Rückhalt in Bevölkerung und Wirtschaft.
Doch wie können wir unsere regionalen Ernährungsnetzwerke stärken, in einer Zeit in der
eine Konzentrationswelle nach der anderen die „kleinen“ zerdrückt? Es gibt sicher keine
einfache Lösung, denn die Menschen wollen sich nichts vorschreiben lassen, beim Essen
schon gar nicht. Ich hatte zuvor Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung zitiert. Von ihr
gibt es auch Statistiken, die Anlass zur Hoffnung geben. Die Zahl der Menschen, die sich um
die Herkunft ihres Essens sorgen, hat im letzten Jahrzehnt auf rund 25 % zugenommen und
damit mehr als verdoppelt! Das heißt zwar auch, dass 75 %, also die große Mehrheit, ihre
Lebensmittel in erster Linie nach dem Preis auswählen. Aber die Minderheit, die wissen will,
wo ihr Essen herkommt, wächst und wächst. Sicher, der Konsument ist schizophren, sie
kaufen nicht alle Bio, aber sie sind ansprechbar für Fragen der Nachhaltigkeit und
grundsätzlich bereit für Qualität mehr Geld auszugeben.
Oberster Favorit derzeit: regionale Herkunft, direkt gefolgt von der Nachhaltigkeit bei der
Herstellung, dann erst kommt Bio. Mehr Geld – schließen wir damit nicht ärmere Schichten
aus? Ich denke nein, denn es geht letztendlich um Prioritäten beim Geldausgeben, das
Thema ist Exklusion, meist nicht absolute Armut. Aber um das Gefühl, von diesem Trend
ausgeschlossen zu sein, gar nicht erst entstehen zu lassen, sollten wir mit den Bemühungen
um eine lokale Ernährungspolitik und –bildung unbedingt auch die weniger favorisierten
Viertel berücksichtigen.
„Taste of Heimat“ hat im März alle Akteure in Köln und Umgebung zusammengerufen, rund
100 Interessierte sind ins technische Rathaus nach Deutz gekommen, Initiativen, Landwirte,
Mitarbeiter der kommunalen Verwaltung. Mein Wunsch wäre es, dass wir damit die
Keimzelle schaffen für ein Gremium, das man vielleicht als „Ernährungsrat“ bezeichnen
könnte.
Die Idee stammt aus Nordamerika, nennt sich dort „food policy council“ und existiert auf
breiter Ebene seit rund 15 Jahren in nahezu jedem Ballungsraum. Das Konzept wurde in den
letzten Jahren auch in Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden übernommen.
In den meisten Ernährungsräten arbeitet die Verwaltung mit Organisationen aus der
Zivilgesellschaft zusammen. Die Zusammensetzung und Rechtsform ist aber unterschiedlich,
in einigen Kommunen ist es ein Gremium der Stadtverwaltung mit klaren Aufgaben und
Kompetenzen, die ihm vom Stadtparlament verliehen wurden, in anderen ist es unabhängig
und wirkt eher beratend.
Der erste Food Policy Council wurde sogar schon 1982 gegründet, und zwar in Knoxville,
USA. Bekannter aber sind die Ernährungsräte in Vancouver oder Toronto, Kanada. Dort
wurde seit 2005 ein Grüngürtel geschützt, um Ackerland zu schaffen für die lokale
Lebensmittelproduktion. Auf über 700.000 Hektar Land konnten 5500 landwirtschaftliche
Betriebe erhalten oder neu angesiedelt werden, meist Familienbetriebe.
Der erste Rat in England wurde 2002 in der Region Brighton and Hove geschaffen und nennt
sich „Food Partnership“. Mit 600 individuellen und institutionellen Mitgliedern ist er breit
aufgestellt. Er erarbeitete eine detaillierte „Ernährungsstrategie“ für die Region. Ein
Nachhaltigkeits-Team gibt nach Absprache mit den Zuständigen in der Stadtverwaltung
Empfehlungen.
In London heißt der Rat „Food Board“. Sein ehrgeiziges Ziel, zur Olympiade 2012 in der Stadt
2012 neue urbane Gärten zu schaffen, wurde übererfüllt – es sind bereits 2334. Jetzt hat sich
das Food Board ein neues ehrgeiziges Ziel gesteckt: „Growing a Million Meals“. Derzeit
liefern die privaten und öffentlichen Gärten Londons Lebensmittel für 250.000 Mahlzeiten.
Durch die Ausbildung von Gärtnern, die wiederum Privatleuten den Gemüseanbau erklären,
soll sich die Menge vervierfachen – auf das Äquivalent von einer Million Malzeiten.
Das holländische Rotterdam folgte 2013, dort besteht der Rat aus 20 Experten, die den
Stadtrat beraten. Der „Rotterdam Food Council“ soll Projekte zur urbanen Landwirtschaft in
einer Ernährungsstrategie koordinieren, die Beziehungen von Stadt und Umland verbessern,
die Gesundheit der Bürger fördern, u.a. durch verbesserte Bildung, und die
Lebensmittelverschwendung verringern.
Viele der im März versammelten Akteure haben bereits großartige Vorarbeit geleistet – das
Kölner Umweltamt mit den Öko-Märkten etwa, die Gemeinden Brühl und Bornheim mit
ihrer Unterstützung für den blauen Spargel, das Naturgut Ophoven in Leverkusen mit seiner
Kampagne „Ein Topf Heimat“. Oder die Regionalvermarktung Bergisch pur, der Slow Food –
Genussführer, der Kölner Gemeinschaftsgarten NeuLand, Einkaufsgenossenschaften wie die
Food Assembly oder die FoodCoop, die Solidarischen Landwirtschaften in Bonn und Köln,
Händler wie die Bauerntüte, Gastronomen wie die Swimmingpool GmbH, Landwirte, die zum
Beispiel mit einem Hofladen direkt vermarkten, die „Ackerdemie“, die Schulklassen einen
nahegelegenen Acker betreuen lässt, oder oder oder.
Ich denke, dass ein Gesamtkonzept oder eine Zukunftsstrategie den einzelnen Akteuren
helfen würde, ihre Ausstrahlung auszubauen. Bis zur Gründung im November arbeiten vier
Ausschüsse an folgenden Themen:
  •  Regionalmarkt
  •  Regionale Schulkantinen Bildung Garten
  •  Veranstaltungen
  •  Zukunft der Lebensmittelproduktion in der Stadt

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(Fotos: Thomas Müller)